Am Rande des Dollart: hier liegt unser Kirchenkreis - Foto: Kaminski

Kirche als Wegbegleiter - wie hier auf Borkum - Foto: Kaminski

Die Ahrendorgel in Leer - Foto: Oppermann

Kirche am Deich - Foto: Kaminski

Gottes Wort

Pfingsten ist immer möglich - angedacht von Landessuperintendent Dr.Klahr

Als es geschah, saßen sie in Jerusalem traurig und ängstlich zusammen. Nein, damit hatten sie in dieser Situation nicht gerechnet, dass Gottes Geist sie plötzlich neu beseelte, sie mutig wurden und aus ihrem Haus herauskamen. Sie stellten sich auf den öffentlichen Platz der Stadt und erzählten voller Begeisterung von Jesus und seinen Taten und von seiner Auferstehung. So luden sie andere zum Glauben an Christus ein. Dass einige spotteten, war ihnen egal. Denn viele kamen, hörten sie reden und verstanden in ihrem Herzen, was sie sagten, und ließen sich taufen.
Als es geschah, da wussten sie alle selbst nicht, wie es kam. Aber als an dem Tag in Jerusalem die Sonne unterging, da waren es nicht mehr ein paar Jünger, sondern Tausende, die nun an Christus glaubten. So berichtet die Bibel von dem ersten Pfingstfest in Jerusalem und jedes Jahr zu Pfingsten erinnern wir uns an diese Geschichte. Gottes Geist, seine Kraft, sein Segen kam über die Menschen und sie spürten die Veränderung.
Das war nur der Anfang, denn immer wieder haben Menschen im Glauben die Erfahrung gemacht, dass Gott ihr Leben verändert. Dass aus ängstlichen mutige Menschen werden, dass sich Perspektiven und Wege aufzeigen, die man vorher nicht gesehen hat. Dass ein Ruck durch das Leben geht und klar wird, es muss und kann sich etwas verändern. Gottes Geist ermutigt und befähigt Menschen, zu leben und sich nicht durch Ängste und Selbstzweifel vom Leben aussperren zu lassen.
Immer, wenn es geschieht, dass Gottes Geist Menschen zum Leben, zur Liebe und zur Freiheit befähigt, dann wird klar, dass niemand diesen Geist für sich erzwingen kann. „Gottes Geist ist frei und weht, wo er will“, heißt es in der Bibel. Mir gefällt, dass dafür die Taube als Symbol gewählt worden ist. Gottes Geist, der hineinschwebt ins Leben wie eine Taube, sich hier und da hinsetzt und wohl auch wieder weiterfliegt, unverfügbar. So wie Noah in der Arche die Taube sehnsuchtsvoll erwartete bis sie kam, einen Ölzweig im Schnabel hielt und damit anzeigte, dass Hoffnung besteht für das Leben und einen Neuanfang.
Pfingsten ist jederzeit möglich, auch bei uns! 

Ostern ist heiter - Ostergruß von Superintendent Burghard Klemenz

Ostern ist heiter. Zwei freie Tage, Gottesdienste mit vielfachem Halleluja, Familienzeit und Ausflüge, Osterbräuche und Ferien: Eine Mischung, die uns aufleben lässt. Und darum geht es, um das Aufleben. Es lebt auch die Hoffnung auf, dass da ein Gott ist, der das Leben liebt. Nicht Gewalt und Tod haben das letzte Wort, sondern das Wunder.
Gerade ist ein Film mit dem Titel „Auferstanden“ in den Kinos angelaufen. Es ist eine Verfilmung der Geschichte nach dem Tod Jesu. Obwohl das Grab versiegelt war und Wachen verhindern sollten, dass sich Gerüchte über eine Auferstehung Jesu ausbreiten, ist das Grab nach drei Tagen leer. Clavius, ein römischer Offizier, soll den Leichnam finden. Als Anhänger der römischen Religion hält er Israels Glauben für abwegig. Er glaubt an den Kriegsgott Mars. Und er will unbedingt die Gerüchte widerlegen, Jesus sei auferstanden. Die spannend geschilderten Ermittlungen führen Clavius schließlich zu den Frauen, die angeblich als erste das leere Grab fanden und behaupteten, sie seien dem auferweckten Jesus begegnet. Maria Magdalena sagt zu Clavius: „Du suchst etwas, das du nie finden wirst. Öffne dein Herz und sieh“. Schließlich ist Clavius verunsichert und beginnt, an ein Wunder zu glauben. Das hat auch mit den Menschen zu tun, die ihm im Laufe seiner Ermittlungen begegnen. In ihnen findet er etwas, das nicht durch den Tod ihres Anführers erloschen ist. Er entdeckt, wie Jesu in ihnen lebendig ist. Sie versinken nicht in Traurigkeit. Vielmehr leben sie auf, als hätte man auch ihnen neues Leben eingehaucht. Clavius öffnet sein Herz und sieht.
Der Glaube an den auferstandenen Christus holt ihn zu uns zurück. Wir treten ein in seine Gemeinschaft der Sanftmütigen. Auf der Seite der Gewalt ist keine Gemeinschaft mit dem Auferstandenen, ist keine Versöhnung mit Gott. Das Osterfest, das so heiter daherkommt, hat dennoch eine gewisse Entschiedenheit - es ist entschieden für das Leben und gegen Terror und Gewalt.
 

Vitaminreicher Ort - angedacht von Wolfgang Ritter

Pastor Wolfgang Ritter

In Emden wird zum Abschluss der Freibadsaison zum „Hundeschwimmen“ eingeladen. Nicht jedermanns Sache, aber warum nicht? Das klare Wasser, die Luft und die Natur laden Mensch und (!) Tier zum Genießen ein. Der Zusammenhang mit Gottes guter Schöpfung kommt den Menschen beim Baden nahe, aber längst nicht immer. Unter dem Motto „Ort des Zuhörens“ hat die Kirche im Saarland deshalb an einem beliebten Badesee einen Bauwagen aufgestellt. Die Organisatoren zogen ein positives Fazit: „Die Kirche der Zukunft wird eine niedrigschwellige Kirche sein, die die Menschen dort anspricht und auf sie eingeht, wo sie sind.“ Also demnächst: Eine Bauwagenkirche am Wasser – auch in Ostfriesland?

„Ort des Zuhörens“. Das finde ich gut. Da könnte man erzählen, warum manchmal der Hund des Menschen bester Freund ist. Ich stelle mir Ältere vor, die erzählen von der Freude am Schwimmen, wenn sie sich endlich wieder ganz leicht fühlen. Ich denke an Kinder, die Lust haben vom Seepferdchen zu schwärmen und der Erfahrung nicht unterzugehen. Und dann ist da vielleicht ein junger Mann, der sich alles so schön ausgemalt hatte: Das Rendezvous mit seiner Freundin im Sonnenuntergang. Aber dann kam sie nicht und schickte nur eine Nachricht auf dem Handy. Wie schön wäre das, wenn dann jemand da wäre, der zuhört. „Wer da bedrängt ist findet/ mauern, ein/ dach und // muss nicht beten“. 1968, schreibt Reiner Kunze diese kurze Gedicht mit dem Titel: „Pfarrhaus“. 1968 – das ist für viele in der DDR eine sehr schwierige politische Zeit. Für die meisten unter uns heute ist die Erfahrung der politischen Verfolgung die der Anderen. Aber die Sehnsucht nach einer Zuflucht, nach einem Raum zum Innehalten und zum sich orientieren, ist auch heute da. Die Suche nach offenen und diskreten Gesprächspartnerinnen und –partnern in den Fragen unseres Alltags oder die Suche nach einem Ort, an dem man einfach mal da sein und innehalten kann.

Mich selbst hat „Kirche“ in meiner Jugendzeit durch ein Projekt angesprochen, das hieß „Der Andere Laden“. „Der Andere Laden“ war für uns als Jugendliche vor allem eine Einladung, Atem zu holen, sich bei den Hausaufgaben zu helfen, zur Ruhe zu kommen und die Seele nachkommen zu lassen. Einmal sind wir gemeinsam zum Sonnenuntergang auf einen der Hügel aufgebrochen. Die ganze Schöpfung war noch einmal in dieses vitaminreiche Licht getaucht, das dann eben doch zum Lobpreis einlud. Mit Worten des 104. Psalms: „Licht ist DEIN Kleid, das DU anhast. DU breitest den Himmel aus wie einen Teppich. DU lässt Wasser in den Tälern quellen.“

Auch für uns!
 

Das Kleeblatt, oder: Drei in einem - angedacht von Wolfgang Ritter

Pastor Wolfgang Ritter

Eine Gruppe von Iranern ist zum Taufunterricht gekommen. Die Verständigung ist nicht leicht. Eine Frage lautet: „Sagen Sie „drei“ oder sagen Sie „einer“, wenn Sie segnen oder von Gott sprechen?“ In dem Glauben an Gott, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, diese „drei in einem“, wollen sie neu beginnen. Diese sog. „Trinität“ ist diesen Männern und Frauen aus dem Orient kostbar. Und uns?
Der evangelische Theologe Klaus-Peter Jörns formuliert es so: „Die Trinität sagt, dass Gott in der Begegnung mit Menschen seine Gestalt ändern kann.“ Da ist er uns „Vater“, Vater und Mutter, damit wir jemanden haben, wo wir Trost und eine liebevolle Antwort finden, Annahme und Aufgenommensein. Da ist Gott als „Sohn“ in Jesus Christus nahe. Gott wird uns Bruder und kommt uns „menschlich“ nahe. Da wirkt Gott durch seine Geistkraft in unsere Herzen hinein und macht Christus gegenwärtig über Zeiten und Grenzen hinweg. Bei seinen Missionstätigkeiten in Irland bemerkte der heilige Patrick, dass Menschen Schwierigkeiten hatten, das Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit zu verstehen. Er nahm ein dreiblättriges Kleeblatt und erklärte, dass es nur einen Stil aber drei Blätter habe. In der Vielfalt bilde es eine Einheit wie bei der Trinität. Seitdem ist das dreiblättrige Kleeblatt, der "Shamrock", das Symbol Irlands. Die Iren tragen es an St. Patrick's Day, dem irischen Nationalfeiertag, bis heute Kleeblätter an ihrer Kleidung.
Einmal auf die Spur gebracht, gibt es viele Symbole für „drei in einem“. Ich denke an die Dreiklänge in der Musik. Aus drei einfachen Tönen entsteht gemeinsam ein Akkord. Ich denke an die räumliche Wirklichkeit. Sie wird in Höhe, Länge und Tiefe gemessen. Die Demokratie, in der wir leben, lebt von der Gewaltenteilung in Legislative, Judikative, und Exekutive. Wer „Trinität“ sagt, beschreibt die Religion als einen fortdauernden Prozess, in dem „drei in einem“ zum Wohl des Ganzen beitragen. In der Psychologie spricht man von einer Triade, wenn die Symbiose von Mutter und Kind durch etwas Drittes gestört und ergänzt wird. Eine lebendige Kritik- und Beziehungsfähigkeit entsteht, die geistiges Wachstum ermöglicht und Freiheit. Am Abendbrottisch erzählte jemand von der Grammatik Gottes. Als Menschen bilden wir Sätze durch Subjekt, Prädikat und Objekt. Auch Gott bildet solche Sätze, um in Beziehung zu treten. Gott, der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist.
Es ist ein kostbares Geschehen, auf das wir als Menschen kreative Antworten finden sollen und können.
 

Wunder? - angedacht von Martin Kaminski

Martin Kaminski

In Lettland singen bald keine Pfarrerinnen mehr. Die Synode der lutherischen Kirche Lettlands hat soeben die 1975 eingeführte Frauenordination abgeschafft. Verstehen wir uns richtig – sie hat sie nicht etwa nicht eingeführt, sondern ABGESCHAFFT. Beschlossen haben das natürlich die Männer. Singende Männer auf dem Rückweg in die Steinzeit.
In Frankreich stürmen gerade eine ganze Menge überwiegend gut bezahlte Männer über perfekte Rasenflächen, während Zigtausende singen und wieder andere nicht singen, sondern darüber nachdenken, wie und wo man jemandem den Schädel einschlagen kann. Auch für diese Szene gibt es Lieder – sie klingen roh und beängstigend. Singende Männer auf dem Rückweg in die Steinzeit. Wobei ich den Steinzeitmenschen eigentlich kein Unrecht tun möchte, denn ich weiß nicht, ob man dort ohne einen vernünftigen Grund aufeinander los ging.

Wütende Lieder werden gesungen und ganz oft daraufhin Klagelieder.
Klagelieder über Tragödien – Klagelieder, wenn medial präsent in Amerika Menschen im Kugelhagel eines wahnsinnigen Mannes sterben, der auf den weltweit sichtbaren Selfies eigentlich ganz nett aussah. Klagelieder, über all die Toten in den Meeren und Kriegen – sie werden leiser und leiser, je weniger sie uns unmittelbar betreffen. Es kommen ja immer weniger Flüchtlinge – wie schön. Wir singen keine Lieder über die, die hinter den Zäunen stehen und heimatlos im besten Fall gestrandet, im schlimmsten Fall ertrunken sind.

1 Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er hat
Wunder vollbracht!
Allein seine starke Hand, sein heiliger Arm, brachte
die entscheidende Hilfe.
2 Der Herr hat gezeigt, dass er Rettung verschafft;
vor den Augen aller Völker ließ er offenbar werden,
wie er Heil schenkt
3 Er hat ganz Israel gegenüber an seine Gnade
und Treue gedacht.
Bis ans Ende der Erde sieht man die Rettung, die
von unserem Gott kommt.

Das ist die 1. Strophe des Psalms 98, der wirklich mal ein Lied war. Es ist eine recht neue, nämlich die Genfer Übersetzung.
"Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er hat Wunder vollbracht".
In unsere Luther Bibel heißt es "Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder." Das kennen wir.
"Im Hebräischen steht da aber wohl tatsächlich die Vergangenheitsform: Gott Hat ein Wunder getan. Luther hat sich die Freiheit genommen, das
anders zu übersetzen: Gott tut Wunder." Bei seiner Bibelübersetzung fragte Luther sich immer wieder "Was ist da gemeint?" und nicht "Was steht da wörtlich?".
Luther verstand diesen Text so, dass Gott auch heute noch Wunder tut.
Ich hätte nichts dagegen - möge Gott am besten heute noch reichlich Wunder tun!
 

Zuhause ?! - angedacht von Wolfgang Ritter

Pastor Wolfgang Ritter

Waren Sie Ostern zuhause oder auf Reisen? Manche, die auf Reisen waren, werden beneidet. Aber wo sind wir eigentlich Zuhause? Ein Kind ist nicht bei sich zuhause, sagt man, sondern bei seinen Eltern. Man sagt: Ein erwachsenes Menschenkind ist auch nicht bei sich zu Hause. Es ist bei dem Zuhause, der ihn liebt. „Zuhause“ ist eben mehr als ein Bett und ein Kühlschrank. Österlicher Glaube ist Leben mit einem, der Menschen liebt. Den möchte ich heute wieder einmal vorstellen.
Es ist Jesus. Jesus hat sich eingesetzt und Menschen während seines irdischen Wirkens beziehungsfähig gemacht und vor Rachegelüsten geschützt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Er hat in der Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern Vergebung gelebt. Er hat aussätzige Außenseiter, Männer und Frauen teamfähig gemacht. Bei seiner Verhaftung gibt es keine Schießerei und etwas zu denken: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.“ Er hat noch als Gekreuzigter gebetet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Aber wie soll man bei einem Zuhause sein, der gekreuzigt wurde? Menschen haben nach dem Tod Jesu entdeckt, dass auch sein Tod Vergebung wirken kann. Dies lässt sich nicht auf eine Formel bringen, aber es ist ein Prozess der Klärung und des Nachdenkens, der Früchte trägt. Für diesen Prozess gibt es Gleichnisworte, die von jeder Generation aufs Neue erprobt sein wollen: Christus war wie das Weizenkorn, das in die Erde fällt und erstirbt. So bringt er viele Früchte. Christus war das letzte Sühnopfer, um Menschen von dem Zwang zu erlösen, andere Menschen zu Sündenböcken machen zu müssen. Der Gerichtete wird der Richter. Im Kreuz Jesu Christi sind gleichzeitig Gottes Zorn gegen den Sünder und Gottes Liebe für denselben. Der Schmerz, den Gott erleidet, ermöglicht Beziehungsfähigkeit durch Mitgefühl auf Erden.
Nach Ostern zuhause: Wo der österliche Christus unterwegs ist, kann er durch Mauern gehen und einfach da sein, indem Menschen hören: „Friede sei mit euch!“ Und immer wieder diese Stimme: „Friede sei mit euch.“ Und: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Die erste Folge dieses Empfangens: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ Ostern können Menschen wieder mit Jesus Zuhause sein. Sie leben mit einem, der sein Leben für Frieden und Versöhnung hingegeben hat, dieses neu empfängt und weitergibt. Die Freude darüber hat Ostern gerade erst wieder begonnen. Richten wir uns darauf ein.

Karfreitag - von Burghard Klemenz

Karfreitag stehen die Räder unseres Alltags still. Christen begehen diesen Tag als Todestag Jesu. Seit hunderten von Jahren ergreift uns sein Schicksal. Als wäre es heute geschehen, so wirkt der Schrecken des Kreuzes auf uns – ein Zeichen brutaler Gewalt. Die in den Evangelien beschriebenen Szenen wurden unzählig oft gemalt und in Holz geschnitzt. Die bildhaften Darstellungen rufen ins Gedächtnis, was sonst schon längst vergessen wäre: Den Tod des Gottessohnes. Er starb unschuldig. Seine Schuld war, dass er ein König der Herzen sein wollte. Jedenfalls wurde es so an das Kreuz geschrieben: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Der protestantische Liederdichter Paul Gerhardt lässt uns mit seinem berühmten Karfreitagslied singen: „Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht. Von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht“. Karfreitag bleiben wir stehen und schauen auf das Kreuz Jesu. Wir behandeln Christus wie einen geliebten Menschen, der im Sterben liegt. Den lässt man auch nicht allein. Wenn es irgend geht, wird er begleitet, liebevoll. Die Liebe, die er uns schenkte, halten wir aufrecht bis zu seinem letzten Atemzug. Der Liederdichter zeigt uns, dass es auf der Hinrichtungsstätte Golgatha nicht nur um Hass und Gewalt geht. Hier geht es auch um tiefste menschliche Solidarität und die Liebe Gottes zu uns. Auf paradoxe Weise zeigt uns das Kreuz Jesu eben auch: Du bist geliebt durch Gott. Darum – und jetzt haben wir eine weite Reise gemacht vom Erschrecken über das Mitleiden bis zu der Erkenntnis der Liebe Gottes - darum ist das Kreuz Jesu auch ein Zeichen des Trostes: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür. Wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten, kraft deiner Angst und Pein“ , heißt es in Gerhardts Lied. Ich bleibe einen Tag lang stehen unter dem Kreuz und harre aus im Schatten des Todes - ein Akt der Solidarität mit dem, der mir Gottes Liebe gezeigt hat. Und wenn es mit mir zu Ende geht, dann weiß ich seine Liebe bei mir, eine Liebe, die mich aus den letzten Ängsten reißt.

Was bewegt, was ist wichtig, wohin geht der Weg? - angedacht von Wolfgang Ritter

Pastor Wolfgang Ritter

Berlinale 2016 – Eröffnungsfilm „Hail, Cesar“. Bekehrung des römischen Hauptmanns unter dem Kreuz. „Jesus ist Gottes Sohn, ist nicht Gottes Sohn, ist nicht einfach nicht Gottes Sohn, sondern anders.“

Ein Rabbi, ein katholischer, ein protestantischer und ein orthodoxer Geistlicher beraten in einer brillanten Szene als Jury, ob die Jesus Darstellung im Drehbuch korrekt sei. Die Leitfrage der Berlinale 2016 lautet: „Was bewegt, was ist wichtig, wohin geht der Weg?“ Die Antwort im Film: Die Wahrheit ist nicht mit Worten zu fassen, sondern wird „mit Licht“ umschrieben. Und Ihre Antwort?  Ich erinnere mich an eine Berlinale vor einigen Jahren. Die Juryleiterin machte vor dem Publikum eine kreisende Bewegung mit den Armen und fragte: Was ist der wichtigste Film nach welchem Maßstab? Sie antwortete: „We believe in the future“. Wir glauben an die Zukunft. Was geehrt wurde, waren ausgerechnet Filme über Menschen in hoffnungslosen Situationen. Der Film „About Schmidt“ ist mir lieb und wichtig geblieben. Der frisch gebackene Rentner verliert nach dem plötzlichen Tod seiner Frau jeden Halt. Was ihn verändert, sind nicht Worte, sondern ein Bild, das ihm sein Patenkind Ndugu aus Afrika (!) gemalt hat. Es zeigt einen kleinen farbigen Jungen, der an der Hand eines größeren weißen Mannes geht. Sie erinnern sich oder ahnen was dann passiert? Schmidt schreibt einen Brief.

Eine Alltagsgeschichte: Ein junges Paar hatte am trüben Samstagnachmittag im Pfarrhaus geklingelt. Sie sprach mit amerikanischem Akzent und stellt sich als Roma vor. Der junge Mann schwieg. Sie seien aus Bramsche angereist, wo es ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge gibt, in dem sie Angebote machen wie Kochen, Bilder über Deutschland zeigen oder Ausflüge. Ihr Motiv? „We want to share the love of Jesus ”. Wir würden vielleicht eher sagen: Wir wollen die Liebe Gottes teilen. Zu einigen Flüchtlingen bleibe ein Kontakt, wenn sie weiterziehen. So eben auch zu K., R. und der Tochter Aisha aus Syrien, die bei uns gegenüber wohnen. Und dann habe sie gesehen, dass es hier auch eine christliche Gemeinde gibt. Ob wir auch Flüchtlingen helfen? Ich zeige ihr ein Bild von Aisha auf dem Handy, wo sie mit anderen Kindern gerade eine selbst genähte Kuscheldecke bekommt. Wir lachen und tauschen uns aus. Sie ist beruhigt, dass sie nicht immer aus Bramsche werden kommen müssen, wenn die Zukunft sich einmal wieder verfinstert. Wir bleiben in Kontakt und lassen es uns wissen, weil wir an die Geschichte glauben, die immer neu „mit Licht“ und der Liebe Gottes um(ge)schrieben werden kann.

 


 

Zur Jahreslosung 2016 - von Vikarin C. Berneburg aus Logabirum

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes neues Jahr und grüße Sie herzlich mit der Jahreslosung aus dem Buch des Propheten Jesa-ja, in dem Gott spricht:
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66,13)
Ist das nun eine gute oder eine schlechte Verheißung für die vor uns liegenden 12 Monate?
Nun, zunächst einmal zeigt dieser Vers tatsächlich an, dass das Leben nicht nur Liebe, Freude und Sonnenschein für uns bereithält. Nein, es gibt sie auch, diese Zeiten, in denen wir Trost brauchen: Wir brauchen Trost immer dann, wenn uns etwas verloren geht, das unser Leben ausgemacht hat: sei es ein geliebter Mensch, die Heimat, sei es der Job oder die Ehe.
Wir brauchen Trost immer dann, wenn wir frustriert sind, weil wir uns bis zum Umfallen engagiert haben und es danach vor allem Kritik ha-gelt.
Wir brauchen Trost, wenn uns die Angst fest im Griff hat und wir nur verzagt fragen können, was wohl morgen sein wird.
Wenn wir in all diesen Situationen nicht den Anspruch an uns haben, immer stark sein zu müssen und es allein zu schaffen, dann wird klar, dass wir uns selbst nicht genug sind. Sich selbst trösten? Natürlich können Sie versuchen, „sich damit zu trösten“, dass ja alles gar nicht so schlimm ist, dass auch wieder andere Zeiten kommen… Aber all diese Floskeln klingen doch eher nach Ver-Tröstung. Echter, wahrer Trost braucht ein Gegenüber.
„Ich will euch trösten!“, sagt Gott. Und wie? „Wie eine Mutter!“ Die Bindung und die Verbindlichkeit Gottes zu seinem Volk, ist die einer Mutter zu ihrem Kind. Und der Glaube an Gott macht uns zu seinen Kindern. Sicher, auch Mütter können Angst und Schrecken verbreiten, aber daran ist hier nicht gedacht. Sondern an eine liebevolle, herzliche, zärtliche Mutter. Eine, die geduldig ist, behutsam und verständnisvoll.
Bei Gott finden wir einen Trost, der das banale „Alles-wird-gut“-Gerede bei Weitem übertrifft. Drei Aspekte gehören für mich maßgeblich zu solchem Trost dazu: Geborgenheit – Das ist jemand, der sieht in unser Herz. Der nimmt das Elend und Scheitern seiner Kinder ernst und macht es zu seiner eigenen Sache. Fürsorge – Da ist jemand, der unse-re Wunden verarztet, der uns Men-schen zur Seite stellt, die die nächs-ten Schritte mit uns gehen.
Hoffnung – Da ist jemand, der uns ermutigt, der unsere Sichtweise evtl. auch korrigiert und so Zukunftsper-spektive schenkt.
Unser Gott ist „ein Gott des Trostes“ (Röm 15,5). Am deutlichsten sichtbar wird dies in Jesus. Von der Krippe bis zum Kreuz kennt und erlebt er unsere Trostlosigkeit– und überwin-det sie. So gilt: Es gibt keine Trau-rigkeit, in der Gott nicht an unserer Seite ist. Mein Wunsch für Sie in 2016: Dass Sie um Ihre Trostbedüf-tigkeit wissen und keine Mauern dagegen aufbauen. Dass Sie Trost suchen und bei Gott eine gute Quelle dieses umfassenden Trostes finden.

Ein Licht geht uns auf - von Wolfgang L. Ritter, Pastor in Emden

Pastor Wolfgang Ritter

"Ich zünde jetzt eine Kerze für dich an.“ Ein Freund hatte angerufen und zum Geburtstag gratuliert. Mit der Kerze hatte er ein wunderbares Geschenk gemacht. Eine wunderbare Geste der Verbundenheit, die bis zum Himmel reicht. Ich bin noch immer gerührt von dieser Geste der Freundschaft. Die Geste erinnert an Geburtstagskerzen und das Lebenslicht aus Kindertagen, an Geburtstagskuchen mit Kerzen. Die Geste erinnert an die kleinen Gebetskerzen in den Kirchen und - an den Advent. Es gibt Kerzen, die erinnern an Gott als Geheimnis der Welt.
Menschen stellen sich auch auf den Geburtstag von Jesus mit dem Entzünden einer Kerze ein. „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür.“ Dieses kleine Kindergedicht gehört wahrscheinlich zu den unerschütterlichen Resten gereimter Bildung. Die witzige Fortführung kennt auch jeder: „Und wenn das fünfte Lichtlein brennt, dann hast du Weihnachten verpennt.“ Weihnachten? Mit einem Glöckchen wird mit dem Brennen der Kerzen des Weihnachtsbaumes angezeigt, dass nun alles bereit ist, um einzutreten. Der Heilige Abend beginnt. Im Judentum wird übrigens der Schabbat mit seinem Frieden auch durch das Anzünden der Kerzen begrüßt, damit Menschen in ihn eintreten können.
Geburtstagskerze, Adventskerze, Sabbatkerze, d.h. ein Licht geht uns auf. Die Uhren gehen anders. Entrückung und Aufklärung gehen Hand in Hand. Mit Kerzen geben Menschen einer Erwartung Ausdruck, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Ohne Kerzen bleibt die verheißungsvolle Einstimmung auf diese Sternstunden des Lebens „aus“. Das Licht bleibt aus. Es gibt Worte, die helfen, es anzuzünden und ohne die diese Welt ärmer wäre: „Viel Glück und viel Segen“. „Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn.“ „Schabbat Shalom“.
Nun reden viele über einen „Anderen Advent“ – auch auf den Weihnachtsmärkten. Es wird spannend, ob sich die vielen Erwartungen erfüllen werden und Weihnachten gelingt. Der Adventskranz und seine Kerzen können zur Klärung beitragen. Sie können die in der Weihnachtsgeschichte erwähnte „Klarheit des Herrn“ zum Leuchten bringen. Worum es geht? Nicht die eigene Erwartung an das Weihnachtsfest ist das Entscheidende, sondern die umwerfende Wahrnehmung des Erwartet – Werdens. „Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die der Herr uns kund getan hat,“ sagen die aufgeklärten Hirten. Lassen wir uns anstecken von ihrer Aufbruchsstimmung? Gott heißt uns jedenfalls willkommen. Was Hans-Dieter Hüsch einmal für das Ende des Lebens formuliert hat, gilt auch für das Weihnachtsfest: "Ich bin überzeugt, wir werden erwartet“.

Wenn der Vorhang fällt – Gedanken zum Totensonntag

Der Mensch heißt Martin Kaminski (das Pferd heißt Felix)

Dieses Pferd heißt Felix und hat in diesem Jahr seine Mutter verloren. Das war eine sehr traurige Angelegenheit, da Felix sehr an seiner Mutter hing. Natürlich ist Felix nur ein Pferd. Menschen tun sich mit Verlusten deutlich schwerer. Wenn ihnen jemand fehlt, dauert die Trauer darüber nicht selten sehr lange Zeit. Das ist kein Geheimnis und eine sogenannte Binsenweisheit. Als Binsenweisheit bezeichnet man eine allgemein bekannte Information. Der Begriff wird insbesondere dann verwendet, wenn zum Ausdruck gebracht werden soll, dass eine als interessant vorgetragene Erkenntnis eigentlich jeder weiß. Der Begriff spielt auf die weite Verbreitung der Binsen (Gräser) an. Trauer ist weit verbreitet, im Grunde nichts Besonderes und doch … Wenn sie uns persönlich trifft tut sie weh, vor allem, wenn uns nichts und niemand trösten kann.
Am Totensonntag hat die Trauer plötzlich einen allgemeinen Ort. In Kirchen gedenken zum Beispiel Angehörige in besonderer Form aller Menschen, für die im vergangenen Jahr der irdische Vorhang gefallen ist.
Für viele, die vor dem Vorhang zurück bleiben, tut das sehr weh. Sie möchten einfach nicht allein im Saal sein. Sie hadern damit, auch wenn sich rein gar nichts daran ändern lässt. Im Trauern sehen wir manchmal nur noch den Vorhang und nicht mehr, was dahinter sein könnte. Und das, obwohl wir ahnen könnten, was dahinter ist. Und die Toten? Die bleiben vielleicht noch einen Moment auf der Bühne stehen. Und dann machen sie den Abgang, so ist das.
Manche nennen den Totensonntag gerne Ewigkeitssonntag. Damit wollen sie bereits einen Hinweis auf das Leben hinter der Bühne geben. Obwohl sie ja gar nicht genau wissen, was da so los ist. Schließlich dürfen die Zuschauer nicht hinter die Bühne. Ich finde es gut, zu wissen, dass es ein Leben hinter der Bühne gibt. Unsere Rollen spielen dort „keine Rolle“ mehr.
Ein Herr Zinzendorf hat mal gesagt, dass Christen aus der Zeit gehen, wie man aus einem Zimmer in das andere geht. Diese Vorstellung gefällt mir. Sie nimmt mir den Schrecken vor dem Ende und ich kann besser damit leben, dass Menschen, die ich sehr gemocht habe, nicht mehr da sind.
Die Trauer über die Toten darf Gewicht haben. Natürlich gibt es völlig unterschiedliche Abgänge. Friedliche sind einfacher zu ertragen als dramatische. Der Schrecken über die Toten von Paris hat sicher auch damit zu tun, dass wir denken: „Das hätte auch uns treffen können.“ Es stimmt. Es hätte uns treffen können. So wie jeder Verkehrsunfall uns treffen könnte, oder fast jede Krankheit.
Losung für den Totensonntag 2015 gefällig? „Du hast geleitet durch deine Barmherzigkeit dein Volk, das du erlöst hast.“ Steht im zweiten Buch Mose. Die Erfahrung von Gottes Nähe ist ebenso alt wie die Erfahrung, sich Gott fern zu fühlen. Die Mütter und Väter wussten, dass er unabhängig davon DA ist.
Freuen wir uns vielleicht in allem Schmerz trotz allem, dass wir noch da sind? Ich fände das in Ordnung.
Felix – seines Zeichens Pferd – grast auch weiter – er frisst Binsen … -

Martin Kaminski, Diakon
 

Feiertag war schon immer das falsche Wort für den Buß – und Bettag.

Feiertag war schon immer das falsche Wort für den Buß – und Bettag. Es gab da nichts zu feiern. Der Tag sollte uns zu Besinnung treiben, zum Innehalten, Nachdenken, zum Erschrecken auch und zur Verhaltensänderung. Was ist der Wunsch des Höchsten an mich und mein Leben – und was mache ich stattdessen? Wenn ich Fehler erkenne und bereue, kann ich eine andere Richtung einschlagen. Dazu wollte und will dieser Tag Mut machen. Dieser Buß- und Bettag wird überschattet von den Anschlägen in Frankreich. Erschütterung und Angst breiten sich aus. Unsere offenen und freiheitlichen Gesellschaften sind verwundbar. Wie kann man sie schützen, ohne ihre Offenheit und Freiheit zu zerstören? Wir sind ratlos. Am Freitagabend spielte Deutschland gegen Frankreich in einem Stadion in Paris. Fußball ist ein spielerischer Wettstreit und gehört auf die heitere Seite des Lebens. Während des Spiels waren Detonationen zu hören. Bei Sprengstoffanschlägen und Überfällen wurden über hundert Menschen getötet. Das Spiel auf dem Rasen ging weiter. Der Sprecher im Fernsehen war verunsichert. Es kam ihm unmöglich vor, dass hier gespielt wurde, während draußen Menschen starben. Die Verantwortlichen haben in dem Augenblick gewiss das Richtige getan. Sie wollten eine Panik vermeiden und die Menschen im Stadion schützen, darum ließen sie das Spiel laufen. Und doch war es absurd. Das ist allen deutlich geworden. Der Spaß endet da, wo Menschen sterben. Das fortgesetzte Fußballspiel erscheint mir wie ein Sinnbild für unser Verhalten auch in anderen Bereichen: Es ist, als würden wir weiter auf der vergnüglichen Seite des Lebens spielen, während um uns herum vieles den Bach runter geht. Der Klimawandel hat eingesetzt, aber wir zerstören weiter die Atmosphäre. Gerne fahren wir ein Auto, das sich mit grünen Labels schmückt, das aber bitte keine lahme Ente sein soll. Mein erstes Auto hatte 34 PS, heute dürfen es gerne Hundert PS sein. Eine Ursache der VW- Krise sind wir Verbraucher, die wir ein bisschen Öko wollen, aber uns nicht den Spaß an starken Maschinen verderben lassen wollen. Es geht um Selbstbetrug. Wir spielen weiter, während es draußen kracht. Längst drängen die Armen aus dem Süden in unser Land, um sich zu holen, was in ihren ausgebeuteten Länder nicht mehr zu haben ist: Faire Lebenschancen. Aber wir spielen weiter das Welthandelsspiel auf Kosten der Länder des Südens. Fairer Handel erscheint uns als Hobby einiger Idealisten. Und während wir kaufen, als sei Konsum das fröhliche Spiel, das unserem Leben Sinn verleiht, verbittern die Armen und verlieren durch mangelnde Bildung auch noch ihre Würde. Manche Parteien begehen einen politischen Aschermittwoch. Brauchen wir nicht einen politischen Bußtag? Beten wir, dass wir eine Möglichkeit finden, das Spiel zu beenden, ohne in Panik zu verfallen. Burghard Klemenz. Superintendent in Leer

Dank unseren Küsterinnen und Küstern - angedacht von Wolfgang Ritter

Pastor Wolfgang Ritter

An dieser Stelle soll ein altes Amt ausdrücklich gewürdigt sein. Es ist das Amt des Küsters und der Küsterin. Das Wort „Küster“ kommt von dem lateinischen Custos und bedeutet „Wächter“. Der jüdische Tempel kennt als Vorgänger die strengen Leviten, die sich als geflügeltes Wort bei uns erhalten haben. Wenn wir jemandem „die Leviten lesen“, dann bedeutet das mit erhobenem Zeigefinger „Hüti, hüti“. Ein Vers aus dem Küsterpsalm 84 bekennt nicht ohne Stolz: Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Haus als da sein, wo die Gottlosen wohnen. Ein Küster weiß heute, dass es nicht darum gehen kann, ein Gemeindezentrum durch strenge Hausordnungen gegen lebendigen Gebrauch zu schützen. Er will, dass Menschen kommen und sich wohl fühlen. Eine Aufgabe der KüsterInnen besteht wohl heute eher darin, Menschen, die Gott los sind oder so fühlen, an der Kirchentür freundlich zu begrüßen. Sie helfen über die Schwelle und leisten auch manchmal Übersetzungshilfen für das, was am Sonntag gepredigt wurde. Am Anfang von Psalm 84 heißt es: „Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth!“ Küster und Küsterinnen erleben manchmal auf ganz eigene Weise, dass die Arbeit, die sie in einer Kirche tun, nicht nur den Menschen dient und der Erde, sondern auch dem Himmel und Gott. In einer früheren Dienstanweisung für Küster stand die Mahnung, die Küsterarbeit sei in Ehrfurcht zu verrichten. Auf dem Altar sollten frische Blumen stehen. Die Kerzen sollten mit einem Gebet und nicht ohne die Hoffnung entzündet werden, dass Gott lebendig gegenwärtig sein wird. Ein wachsamer Küster / eine wachsame Küsterin eben bereitet dem Herrn den Weg. Die Kirche wird von einem Küster oder einer Küsterin vorbereitet, damit sie ein Ort der frohen Botschaft sein kann. Mit jeder Auslegung der Heiligen Schrift, mit jedem Kind, das die Heilige Taufe empfängt, mit jeder Feier des Heiligen Abendmahls, mit jedem lebendigen Gottesdienst, mit jedem Gebet, das gesprochen wird, mit jedem Toten, der beweint wird, mit jedem Brautpaar, das sich Liebe und Treue verspricht, wird die Kirche zu dem, was sie sein soll, durch die Vorbereitung von Küsterinnen und Küstern. Eine Kirche wird dadurch nicht nur zu einem Denkmal, sondern zu einem „Liebmal“ oder „Hoffmal“, das mit Christus verbunden ist. Ich bin dankbar für die verlässliche Arbeit der Küsterinnen und Küster, die ich habe kennenlernen können und die schönen Räume, die sie für Gott und die Menschen bereit halten. Und manch „lecker köppke“ Tee. Danke!

Zwei zu eins ist nicht genug - zum Erntedank, angedacht von Andreas Bartels

Ob an diesem Wochenende in der Fußball-Bundesliga eine oder mehrere Partien mit dem Ergebnis 2:1 enden werden, das weiß ich nicht.  Im Fußball geht solch ein Ergebnis durchaus in Ordnung. Zwei zu eins – das scheint nicht selten auch das Ergebnis in Blick auf das Fest im Jahreslauf, das wir am Sonntag feiern. Zwei zu eins klingt gut, das ist kein Unentschieden, aber noch wichtiger: das ist auch nicht verloren, würde man das als Sportergebnis lesen. Mir ist das zu wenig. Wenn wir Sonntag nicht ein eindeutiges Drei zu Null feiern, dann hat das Fest am Ende doch verloren. Sie wissen schon längst, worum es geht – um das: (1)Ernte – (2)Dank- (3)Fest. Und wenn wir uns da mit einem zwei zu eins zufrieden geben würden, dann fühlt sich das fast wie eine Niederlage an. Ein Dankfest feiern, klingt gar nicht schlecht, dieses zwei zu eins. Doch die Ernte stünde auf der Verliererseite. Würden wir anders herum lediglich ein Erntefest feiern, hätte der Dank verloren. Egal, was auf der Seite von zwei oder eins zu stehen kommt – es würde etwas fehlen an diesem Tag.
Ich mag mir tatsächlich an diesem Tag kein zwei zu eins vorstellen. Entweder wir feiern drei zu null, oder es wird ein mehr oder weniger beliebiges, wieder einmal mehr von Menschen gemachtes Fest. Erntedankfest – wir feiern ein Fest, weil wir für die Ernte danken, weil wir für all die guten Gaben danken, von denen wir leben und die uns Jahr für Jahr anvertraut und geschenkt werden. Denn bei aller menschlichen Arbeit bleibt es wunderbares Geschenk, dass etwas wächst, dass wir ernten könnten und dass wir danken können. „Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand“ – so dichtet Matthias Claudius in seinem berühmten Lied und dem ist nichts hinzuzufügen. Dafür, dass etwas wächst, können wir uns nicht auf die Schulter klopfen, das können wir nicht „machen“. So kommt am Ende kommt der wichtigste Zähler noch dazu, denn unser Dank an diesem Fest weiß um sein gegenüber - wir wissen, wem wir alles das zu danken haben – dem von dem der 104 Psalm singt: Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich! Du machst das Land voller Früchte, die du schaffst. Herr wie sind, deine Werke so groß und so viel! Geben sie sich nicht mit einem zwei zu eins zufrieden. Dieser Tag verdient ein klares drei zu null., weil unser Gott, den wir als (1) Vater- (2) Sohn und (3) Heiligen Geist bekennen uns so reich beschenkt, dass wir allen Grund haben auch in diesem Jahr Ernte-Dank-Fest zu feiern.

Kiek mol wedder in! - angedacht von Martin Kaminski

Der Mensch heißt Martin Kaminski (das Pferd heißt Felix)

So als Zugezogener in Ostfriesland ist man gut beraten, wenn man sich mit der ein oder anderen Redewendung auszukennen versucht. Man muss nicht gleich einen Sprachkurs machen, aber so die wichtigsten Vokabeln – ja, ich finde, die sollte man drauf haben. Sonst sieht man blöd aus, wenn einem der Pastor wie selbstverständlich sagt: "Kiek mol wedder in!"
Soll ich nach dem Wetter schauen? Oh nein – er meint, ich solle mal wieder reinschauen, mol wedder in kieken eben. Und das ist tatsächlich eine gute Idee und in Ostfriesland sehr gut möglich. Schließlich hat hier fast jedes Dorf noch eine Kirche, in denen Gottesdienste gefeiert werden und Menschen Trost, Orientierung und Gemeinschaft erfahren. Es lohnt sich da mol in zu kieken. Klar, manchmal ist das nicht sehr spannend und die Leute dort werden nicht gleich meine Freunde werden. Aber ich darf kommen, so wie ich bin. Muss nichts mitbringen oder leisten. Und ich bekomme versichert, dass ich etwas wert bin und Gott sich für mich interessiert. Und wenn es mir zu langweilig ist, kann ich sogar mitmachen und so zum Unterhaltungswert tatkräftig beitragen. Das ist doch super – also ich mache es – und Du? Halt Ausschau nach der nächsten Kirche und … Kiek mol wedder in!

Vom Urlauben zum Urglauben - angedacht von Wolfgang Ritter aus Emden

Pastor Wolfgang Ritter

Laut Duden ein schwaches Verb, umgangssprachlich: Wir „urlauben“. Wir muten uns eine Menge zu beim „Urlauben“: „Party machen“, z.B.. Das wird langweilig und hat Nachwirkungen, wenn es zu lange dauert. Wir tauschen Freundschaften gegen flüchtige Bekanntschaften, insbesondere die der Kinder. Die liebevoll eingerichteten eigenen vier Wände reduzieren sich auf eine kleine Ferienwohnung oder das Gastzimmer mit einer Matratze, die der Rücken schnell beanstandet. Paare, die statistisch gesehen pro Tag etwa 8 Minuten für persönliche Dinge aufwenden, erfahren ganz viel Nähe – manchmal zu viel.
„Urlauberseelsorge“ gibt Hilfestellung, damit aus einem schwachen Verb eine starke Erfahrung werden kann. 220 UrlauberseelsorgerInnen packen neben der Badetasche auch noch den Talarkoffer ein, um an 100 Urlaubsorten ihren Dienst zu versehen. Ein weites Feld: Das ist die Urlauberkantorei auf Norderney. Das sind, auch zur Freude der Eltern, Gute-Nacht-Geschichten für Kinder. Das sind Almgottesdienste, die Urlaubserfahrungen aufnehmen und deuten. Es geht im Urlaub auch darum, die enttäuschten Erwartungen humorvoll ansprechen zu können und einzuordnen. Kirchen werden zu wichtigen Orten der Begegnung – auch spirituell. Manchmal ist ja die Versuchung groß, so zu tun, als ob im Urlaub durch Berge und Meer alles toll und Gott selbst ganz unmittelbar erfahrbar sein müsste.
Die Botschaft ist aber: Es geht beim Urlauben auch um Grundwahrheiten, um „Urglauben“. Wir begegnen der Schöpfung, nicht dem Schöpfer. Gott erscheint als das Geheimnis der Welt, das sich nur langsam erschließt. Über das Staunen können wir uns erinnern, dass Himmel und Wolken als Gleichnis dienen für Gott mit seiner weitreichenden Güte und Wahrheit. Das wird als Ermunterung erfahren, wenn wir knauserig anfangen, den Urlaub abzurechnen oder sogar abzuschreiben. Da kann die großzügige Schönheit der Lilien auf dem Felde uns auf die andere Tonart Gottes einstimmen. Wenn wir die eigene Mitte mal wieder schmerzhaft entbehren, ist es erfrischend aus einer anderen Quelle Heiterkeit schöpfen zu können und die Umgebung in einem neuen Licht zu sehen. Die Vöglein auf dem Felde zwitschern von der fröhlichen Sorglosigkeit und von der Sorge des Himmels um uns Erdenbürger. Vielleicht begegnet uns auch der fremde Orientale Jesus Christus wieder, um gerade uns Gottes Menschenfreundlichkeit zu offenbaren. Damit Gottes Menschenfreundlichkeit und Segen nicht nur im Urlaub, sondern alle Tage um uns sei und gerade wir etwas davon in die Welt tragen.

Los geht´s am Morgen mit Kummer und Sorgen - angedacht von Burghard Klemenz

Los geht´s am Morgen mit Kummer und Sorgen. Wer den Tag so beginnt, wird es schwer haben. Ganz anders der Tag, der so beginnt, wie in einem Kirchenlied besungen: „All Morgen ist ganz frisch und neu…“ Da klingt frohe Erwartung an. Das Gesicht ist dem kommenden Tag freudig zugewandt. Man denkt gleich an einen Sommermorgen, an dem die Vögel singen, die Luft klar ist und der blaue Himmel aufstrahlt wie eine Gute- Laune- Glocke. Das macht Lust zu leben.
Jetzt könnten Sie einwenden, dass man sich die Dinge nicht immer aussuchen kann. Und Sie hätten recht. Wer Leid erfährt, sich Sorgen machen muss um einen geliebten Menschen oder auch seine eigene Zukunft- der kann die dunklen Gedanken nicht so leicht vertreiben. Da beginnt das Grübeln vielleicht schon in der Nacht und die Sorgen liegen zentnerschwer auf der Bettdecke. Am Morgen schmerzen die Glieder, und Erinnerungen und schlechte Gefühle springen einen an wie ein Raubtier. Es ist gar nicht leicht, sich davon frei zu machen. Gewiss gibt es Sehnsucht, den Tag einmal anders beginnen zu können, frisch und neu. Aber es will nicht gelingen. Das Gesangbuchlied geht übrigens so weiter: „All Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad und große Treu, sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.“ Also frisch und neu nicht aus eigener Kraft, sondern durch den, der offenbar schon am Morgen bei mir ist, wenn ich erwache. Das Schlimme an vielen Sorgen ist, sie nicht mitteilen zu können. Wenn ich keinen weiß, mit dem ich darüber reden kann, drehen sich die dunklen Gedanken wie Mühlsteine im Kopf. Es ist gut, mit jemandem darüber zu sprechen. Dabei geht es gar nicht darum, die Probleme gleich zu lösen. Es geht zunächst nur um das Mitteilen, das Erleichterung verschafft. Es hilft, von dem zu reden, was mich bedrückt. Zuhörer kann jeder sein, ein Freund, ein Arzt, ein Seelsorger. Wie oft erscheint das Schwere schon viel leichter, wenn es mitgeteilt wurde, wenn jemand Verständnis zeigt. Das Lied vom frischen Morgen stellt uns noch einen anderen Zuhörer vor Augen, den Gott der Gnade und Treue. Er kann am Morgen der erste Zuhörer sein, dem ich für alles Gute danke: den Schlaf, das Dach über dem Kopf, das Brot im Schrank. Zuerst der Dank! Ich muss mich immer wieder – auch in schweren Nöten – als Mensch entdecken, der beschenkt wurde, und sei es nur mit dem Leben und dem Licht eines neuen Tages. Und dann, nach dem Dank, das Gebet für andere. Es hilft, von mir abzusehen, auf andere zu blicken. Ich lege die, die ich liebe, alle Freunde und auch meine Feinde in Gottes Hände. Und dann, am Schluss, meine Not und die Bitte um Kraft. Oft flattern die Sorgen davon, wie schwarze Vögel, wenn ich sie in den Himmel werfe.

Gott ist wie ein Kleeblatt - angedacht von Landessuperintendet Dr. Detlef Klahr

Es war der Schutzpatron der Iren, der Heilige Patrick (gestorben 461), der auf die wunderbare Idee kam, dem keltischen König die Dreifaltigkeit Gottes mit einem Kleeblatt zu erläutern. Die drei Personen des einen Gottes - Vater, Sohn und Heiliger Geist - seien wie die drei Blätter an einem Kleeblatt. Gleich gestaltet und gleicher Art, je für sich und doch miteinander verbunden. Wie die Dreiheit der Blätter zu dem einen Kleeblatt gehörten, so bildeten die drei göttlichen Personen die eine Gottheit. Den keltischen König soll das überzeugt haben, denn er soll daraufhin dem Patrick erlaubt haben, das Christentum auf der Insel zu verbreiten. Die Lehre von der Trinität, also von der Dreifaltigkeit Gottes, wurde übrigens auf dem Konzil in Nicäa unter Beteiligung von Kaiser Konstantin im Jahre 325 zum ersten Mal als Glaubensbekenntnis beschrieben und festgelegt und wird noch heute in jedem Gottesdienst bekannt. Die Personen Gottes bezeichnen dabei unterschiedliche Wirkungsweisen. Gott Vater ist die schöpferische Kraft, Gott Sohn die erlösende Liebe und Gott Heiliger Geist die unmittelbare Gegenwart Gottes. Immer wieder wird den Christen vorgeworfen, dass sie nicht an einen Gott glauben, sondern ja drei Gottheiten verehren. Doch so ist es ja nicht; vielmehr ist es immer der eine Gott, der zugleich als Vater, Sohn und Heiliger Geist angerufen und verehrt wird. In einer Predigt zum Trinitatisfest sagt Martin Luther: „Das Fest der Dreifaltigkeit ist darum eingesetzt, dass man soviel als möglich aus Gottes Wort lerne, was Gott selbst sei in seinem göttlichen Wesen.“ Die Lehre von der Dreifaltigkeit (Trinität) will und kann Gott nicht erklären, sondern nur sein Geheimnis umschreiben.

Vermeintlich einfache Gottesbilder mögen für das Denken bequem sein; dem Geheimnis des einen Gottes nachzuspüren, stehen sie aber eher im Weg. Christliche Theologie wird sich immer mit Gott so beschäftigen, dass das Gottesbild nicht eingeschränkt und begreifbarer wird, sondern mehr und mehr die Größe und Einmaligkeit Gottes beschreibt. Der Sonntag nach dem Pfingstfest wird als Trinitatisfest gefeiert. 24 Sonntage folgen und laden als Sonntage „nach dem Trinitatisfest“ dazu ein, dem göttlichen Geheimnis nachzuspüren. Manchmal fängt das mit einem Kleeblatt an!

Mohnbrötchen und der Wolf - von Wolfgang Ritter

Pastor Wolfgang Ritter

Am letzten Samstag war ich morgens beim Bäcker. Vor mir war eine Frau, die gerade Brötchen bestellte. Und dann sagte sie: „ Also letzten Samstag, da habe ich auch Brötchen bestellt. Ich glaube, es war eine Auszubildende. Also die waren so klein. Und ich war sauer. Echt stinksauer.“ Ich mischte mich ein und sagte möglichst freundlich: „Ich glaube, das ist kein Grund sauer zu sein. Es gibt aber andere Gründe.“ Tatsächlich wurde auch ich auf die Probe gestellt, denn ich hatte Mohnbrötchen bestellt und was war dann in der Tüte? - Weltmeisterbrötchen. Da wird man nachdenklich – und kann ganz schön sauer werden!
Bei einem Trauergespräch für einen noch nicht ganz alten Handwerker war folgende Geschichte wichtig: Eines Abends erzählte ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkelsohn am Lagerfeuer von einem Kampf, der in jedem Menschen tobt. Er sagte: „Mein Sohn, der Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen.“ Einer ist böse. Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego. – Und der andere ist gut. Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und - der Glaube. - Der Enkel dachte einige Zeit über die Worte seines Großvaters nach, und fragte dann: Welcher der beiden Wölfe gewinnt? Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.“ - Welchen Wolf werden wir füttern? Man kann den falschen Wolf füttern. Immer wieder – bis zu einem wie auch immer bitteren Ende.
Und manchmal fängt das am frühen Morgen beim Bäcker an, wenn man über ein zu kleines oder verkehrtes Brötchen stinksauer ist. Dann weiß ich schon, welcher Wolf da gerade gefüttert wird. - Vielleicht haben Sie auch diese frommen Plakate gesehen? Die hängen jetzt überall. OBI sei Dank. Wissen Sie, was darauf steht: „Beete gut, alles gut“. Eigentlich schreibt man Beten ja nur mit einem „e“, oder? Bete gut! Wer es mit zwei „e“ schreibt, der weiß: Es ist noch nicht alles gut, wenn der eigene Vorgarten gepflegt aussieht, aber immerhin. Wer betet, sollte wissen: „Sauer macht lustig“. Im christlichen Gebet und vor Gott gewinnen wir Abstand. Wir lassen uns Klarheit und manchmal auch ein Lächeln schenken. Wir haben Anteil an der Hoffnung, dass der gute Wolf gewinnt.

Auferstehung

Martin Kaminski - Öffentlichkeitsarbeiter für den Kirchenkreis Emden-Leer.

Ach die Kinder! Haben Sie auch welche gesehen, die Ostersonntag durch den Garten gehopst sind? Immer auf der Suche ... Ich möchte am liebsten heute noch mitmachen. Mir diesen kindlichen Glauben daran erhalten, dass es etwas zu finden gibt. Den Kindern gehört das Reich Gottes, sagt Jesus.
Was meint er damit? Kindern gehört das Reich Gottes weil sie Kinder sind? Genau – weil sie, wenn sie unbekümmert sind, von jedem Augenblick alles erwarten. Durch den Garten springen und Eier finden. Sonne, Wind und Regen. Und natürlich an den Himmel glauben. Ohne Wenn und Aber. Das möchte ich auch können. Von jedem Augenblich alles erwarten. Wir Großen sind manchmal zu kaputt. Das Leben hat uns gelehrt, wenig zu erwarten, damit wir nicht enttäuscht werden. Vertrauen ist schwer. Vielen Kindern kommt es früh abhanden. Jesus sagt: „Vertraut mir. Auch wenn Menschen euch enttäuschen. Ich will es nicht. Bei mir ist Leben. Auferstehungsleben.“
Die Tage nach Ostern. Der Alltag hat uns wieder. Die Eier sind gefunden. Bei manchen gab es sogar Ostergeschenke. Ostern – das Fest aller Feste? Aber die Kirchen sind an Weihnachten voller. Ostern – Reisezeit. Ostern: Auferstehungsfest. Alles wieder gut? Nicht für alle – echt nicht. Obwohl die Christen daran glauben, dass seit Ostern der Tod nicht mehr das letzte Wort hat. Karfreitag – der Todestag. Drei Tage später Auferstehung. Daran will ich glauben. Für dich soll das auch gelten. Und für mich. Wo ich tödliche Erfahrungen gemacht habe kann Gott einen neuen Anfang machen. 3368 Menschen haben 2014 ihr Leben auf unseren Straßen verloren. Sie hinterlassen Tausende von Angehörigen. Der Tod hat nicht das letzte Wort – sagt Gott. Für heute bringt das die Verstorbenen nicht zurück. Die Stricke des Todes scheinen sie gefangen zu halten. Gott sprengt diese Fesseln mit seiner Osterbotschaft. Er ist auferstanden. Und die, um die wir trauern? Für die gilt das auch. Ehrlich. Das stimmt. Das ist kein naiver Kinderglauben. Das ist die größte Botschaft aller Zeiten. Auferstehung. (Martin Kaminski)

Die Angst vor Überfremdung ist unberechtigt.

Superintendet Burghard Klemenz bei der Kundgebung gegen Fremdenfeindlichkeit im Februar 2015 in Leer:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!
Als Christ und Pastor stehe ich hier heute für die Arbeitsgemein-schaft Christlicher Kirchen (ACK Leer) aus Sorge um die Menschlichkeit in unserem Land. „Ich war hungrig und ihr habt mir nicht zu essen gegeben, ich war durstig und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben, ich war ein Fremder und ihr habt mich nicht aufgenommen, ich war nackt und ihr habt mich nicht gekleidet“, klagt Jesus im Evangelium nach Matthäus und ergänzt: „Was ihr dem Geringsten unter euren Schwestern und Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“
Es geht um die christlichen Werke der Barmherzigkeit, sie zu üben ist unsere Aufgabe. Das sagt Jesus, zu dessen Lebensle-gende die Flucht nach Ägypten gehört, eine Flucht vor Gewalt und Todesnot.
Heute fliehen Menschen aus dem Vorderen Orient, aus Afrika und Südosteuropa, sie fliehen vor Terror und Gewalt, oder vor Chaos und Not. Eine gewaltige Völkerwanderung. Die meisten Flüchtlinge aber gelangen nur bis ins Nachbarland. Gemessen an der Gesamtzahl kommen wenige zu uns in eines der reichsten Länder Europas.
Die Angst vor Überfremdung, die Angst, dass sie uns etwas wegnehmen könnten, ist unberechtigt. Wir wissen, dass die Asylsuchenden der vergangenen Jahrzehnte zum Wohlstand Deutschlands beigetragen haben.
Einige sorgen sich um das christliche Abendland. Das Christen-tum hier kann man verteidigen, indem man sich als Christ er-weist. Wenn Fremdenhass und Angst um eigene Vorteile aber Sanftmut und Freundlichkeit vertreiben, ist unser Land bereits überfremdet, nämlich von kaltem Egoismus.
Andere sprechen von Wirtschaftsflüchtlingen. Millionen von Deutschen sind in schlechten Zeiten nach Süd- und Nordamerika ausgewandert, weil sie Not hatten, sich und ihre Kinder zu ernähren. Was war oder ist verwerflich daran, vor der Not zu fliehen?
Wie sollen wir die alle unterbringen, stöhnen manche. Und tat-sächlich ist es für Politiker und Mitarbeiter der Verwaltungen eine große Aufgabe, alle Asylsuchenden angemessen unterzubringen und zu versorgen. Sie verdienen unsere Anerkennung für alle darauf zielenden Bemühungen. Ich möchte aber an dieser Stelle noch einmal erinnern an unsere eigene Vergangenheit. Um das Jahr 1945 kamen 21 Millionen Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostländern. Sie kamen in ein zerbombtes und zerstörtes Deutschland. Und die Westdeutschen mussten alles mit ihnen teilen, ihre Wohnungen, ihre Kleidung, ihren Hunger. Ohne diese 21 Millionen Menschen aber wäre die Bundesrepublik nicht das, was sie heute ist.
Einige sagen, der Islam überfremdet unsere Kultur und außer-dem sei er gewalttätig. Aber wir leben doch seit Jahrzehnten friedlich Seite an Seite mit muslimischen Gemeinden, sie sind längst ein Teil unserer Gesellschaft. Und ich bin froh, dass Juden und Moslems in unserem Land wohnen mögen nach dem braunen Terror, der hier einst wütete. Und es beschämt mich, wenn Menschen anderer Religion wieder Angst haben müssen in Deutschland.
Für den gewalttätigen Islamismus jedoch kann es weder in Deutschland noch anderswo einen legitimen Ort geben.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, es gibt aus christlicher und humanitärer Sicht keine Alternative dazu, Fremde aufzunehmen. „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“, sagt Jesus. Indem wir die Würde anderer Menschen verteidigen, gewinnen wir unsere eigene Würde.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Röm 15,7

Andacht zur Jahreslosung 2015

Wo fühle ich mich wohl? - Da, wo ich sein kann, wie ich bin. Wo ich mich nicht verbiegen muss, um gemocht zu werden. Wo ich mit meinen Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen ernstgenommen werde. Wo ich keine Angst haben muss, abgeschrieben oder ausgestoßen zu werden, wenn ich nicht so funktioniere, wie es von mir erwartet wird.

Welche Orte fallen mir da ein? - Ist es meine Ehe, meine Familie, mein Arbeitsplatz? Sind es Freunde? Letztere kann ich mir bekanntlich aussuchen... – Ganz anderes hat Paulus im Blick, wenn er am Ende seines Briefes an die Christen in Rom schreibt:
Nehmt einander an... Er richtet sich mit dieser Aufforderung an eine bunte Mischung von Christinnen und Christen, an solche mit heidnischen und jüdischen Wurzeln. Letztere sind wohl in der Minderheit. Unterschiedliche Meinungen über „den christlichen Lebensstil“ führen dazu, dass sie sich gegenseitig verunsichern und sich ein schlechtes Gewissen machen. Sie verachten und verurteilen einander. In den Köpfen und Herzen entsteht eine Aufteilung in Starke und Schwache im Glauben. Der Streit darüber droht die Gemeinde zu zerreißen...

Lange her und doch so vertraut! Streit und Spaltung gehören seit jeher zur politischen Tagesordnung. Leider auch zu der in unseren Gemeinden und Kirchen. Sie könnten, so malt es Paulus den Konfliktparteien vor Augen, Orte der Freude und der Hoffnung sein, wo alle darauf bedacht sind, sich gegenseitig aufzubauen. Oasen der gegenseitigen Ermutigung und des Friedens...

Alles nur ein frommer Wunsch? Heute fassen wir ihn in Begriffe wie Toleranz, Akzeptanz, Einheit in aller Verschiedenheit. Oft gefordert, selten konsequent umgesetzt. Jedenfalls leichter gesagt als getan.

Annehmen meint zunächst Gottes konkretes Eingreifen in das Leben von Menschen: er zieht sie aus Gefahr und Verlassenheit zu sich und bietet ihnen einen Schutzraum an. Ganz stark kommt das in den Psalmen zum Ausdruck: „Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich und zog mich aus großen Wassern.“ (Ps. 18,17) So argumentiert Paulus: wie könnt ihr Leute unter euch verachten und aus eurer Gemeinschaft ausschließen, wenn Gott sie angenommen hat? Was maßt ihr euch an? Er ergänzt seine Aufforderung:
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.

Christus, sein bedingungsloses Ja zu euch, seinen Kindern, ist euer Bindeglied!
Keine gemeinsame Idee oder Aufgabe, keine Lehre und keine Kirche schaffen die Einheit, die Christus schafft.

(Renate Karnstein)

Macht hoch die Tür - angedacht von Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr

Nun beginnt sie wieder, die heimelige gemütliche Adventszeit mit der besonderen Atmosphäre von Tannengrün, Adventskränzen, Adventskalendern, Kerzenschein und leckeren Keksen. In keiner anderen Zeit wird so viel und so gern gesungen, wie in der Adventszeit.
Ein Lied darf dann auf keinen Fall fehlen, es ist im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 1 zu finden und ist damit zugleich das Lied zum Auftakt für die Adventszeit: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“.
Und da mit dem ersten Advent auch ein neues Kirchenjahr beginnt, zeigt dieses Lied zugleich an, wem wir als Christen im neuen Jahr die Tore und Türe weit aufmachen wollen, nämlich dem kommenden Herrn und Heiland Jesus Christus. Gedichtet wurde dieses Lied bereits im Jahr 1623 von dem Pastor und Dichter Georg Weissel, er lebte von 1590 – 1635 in Ostpreußen. Die heute bekannte Melodie kam dann gut einhundert Jahre später hinzu. Es ist immer wieder erstaunlich, dass manche Lieder durch Jahrhunderte hindurch immer wieder gesungen werden und einer bestimmten Zeit im Kirchenjahr durch Text und Melodie prägen können.
Persönlich freue ich mich schon wieder sehr darauf, dieses Lied in den Gottesdiensten und Adventsfeiern zu singen. Auch, weil diesem Lied ein Zitat aus Psalm 24 zugrunde liegt, in dem es heißt: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!“ Dieser Psalm aus der jüdischen Tradition wird in den Gottesdiensten am 1. Advent ebenso zitiert, wie die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Auf beides spielt das Lied in seinen Strophen an. In der Adventszeit geht es ja darum die Türen, nicht nur unserer Adventskalender, weit zu öffnen, damit Christus mit seinem Heil und Segen, mit seiner Freundlichkeit und Barmherzigkeit zu uns kommen kann. Jesu Kommen, seine Ankunft unter uns – das heißt ja Advent – hat Auswirkungen sowohl für Stadt und Land (so in der 3. Strophe) als auch in unserem privaten Leben. Darum schließt dieses Lied in seiner letzten Strophe mit einer persönlichen Bitte, die adventlicher nicht sein kann:
„Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns für und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.“
Ich wünsche gesegnete Adventstage!

Bußtagsgedanken von Burghard Klemenz

 

Ich freue mich über jeden Brief, der keine Werbung und keine Rechnung enthält. Gerne denke ich an die Zeit vor Email und Whatsapp , als Freunde noch seitenlang erzählten, womit sie sich gerade beschäftigten und was sie erlebt hatten. In manchen Briefen ging es um Beziehungsklärung. Warum sich der Absender von mir unverstanden fühlte und was geschehen müsste, damit es wieder besser wird. Bei solchen Briefen guter Freunde konnte ich auch schon mal rote Ohren bekommen. Manchmal war ich verstimmt und trug die Sache einige Tage mit mir herum, bevor ich einsehen und antworten konnte. Briefe gaben mehr Zeit zum Nachdenken. Als ich jetzt einen Brief von der Stadt bekam, ahnte ich nichts Gutes. Er enthielt unschöne Behauptungen über meinen Fahrstil. Ich hätte gegen Paragraphen verstoßen und sei zu schnell gefahren, stand da. Und zum Beweis war ein schreckliches Foto beigefügt, auf dem ich aussah, als hätte ich gerade eine Kröte verschluckt. Wenn die einem schon Fehler vorhalten, warum müssen sie einen dann auch noch mit wenig schmeichelhaften Fotos belasten? „Bußgeldbescheid“ stand über dem Brief. Ich soll zahlen!

Buße- da war doch was? Bußtag - ein bald vergessener Tag. Seit der Buß- und Bettag kein Feiertag mehr ist, gerät die Sache, für die er steht, ebenfalls in Vergessenheit. Als Verkehrssünder kennen und fürchten wir die Buße, denn sie führt dazu, dass man sich über sich selbst ärgert. Sie soll bewirken, dass wir uns künftig anders und besser verhalten.
Nichts anderes wollten die Bußtage auch. Sie waren so etwas wie ein Brief, in dem etwas über die Trübung einer Beziehung zu lesen war. Und sie gaben ganz viel Zeit, darüber nachzusinnen. Ein Bußtag lädt dazu ein, über eigene Fehler nachzudenken. Im griechischen Original des Neuen Testamentes steht für Buße auch ein Wort, das im Deutschen eine ganz andere Bedeutung hat: Umkehr.
Der Bußtag ist wie ein Brief. Wer den Bußtag ernst nimmt, könnte etwas lesen über unsere problematische Beziehung zur Erde. Wir sind nämlich gerade dabei, sie für kommende Generationen unbewohnbar zu machen. Wie könnte Umkehr aussehen, konkret auch für mich? Man könnte auch etwas lesen über Zeit, und wieviel wir davon für Menschen übrig haben, die unsere Zuwendung brauchen. „Tut Buße und glaubt an das Evangelium“ - dieser Satz steht im Markusevangelium des Neuen Testamentes. Hier wird Buße nicht mit Strafe verbunden, sondern mit etwas Positivem, Evangelium heißt „Gute Nachricht“. Was wäre, wenn am Ende unseres Nachdenkens über notwendige Umkehr eine gute Nachricht steht?

Die Fackel hoch halten. Von Wolfgang L. Ritter, Pastor in Emden

Pastor Wolfgang Ritter

Vor hundert Jahren hatte der englische Sanitätsoffizier John McCrae im 1. Weltkrieg ein Gedicht geschrieben, das an eine schlichte Trauerzeremonie für einen gefallenen Freund erinnert: „Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe. Wir sind die Toten. Vor wenigen Tagen noch lebten wir, fühlten den Morgen und sahen den leuchtenden Sonnenuntergang, liebten und wurden geliebt, und nun liegen wir auf Flanderns Feldern. Aus sinkender Hand werfen wir Euch Die Fackel zu, die Eure sei, sie hoch zu halten.“ Durch dieses Gedicht wurde der Mohn zur Blume des Gedenkens an die zahlreichen und namenlosen Opfer der Kriege. Im Sommer gab es in London eine Installation mit 900000 Mohnblumen – für jeden englischen Kriegstoten eine. Wir haben in der Woche des 100. Jahrestages der Kriegserklärung des Deutschen Reichs an Frankreich in St. Desir / Frankreich einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Etwa 100 Franzosen, Deutsche und junge Russen und Russinnen! Wir haben mit Mohnblumen und dem Gedicht der Gefallenen, der Vermissten und der Verwundeten auf drei Seiten gedacht. Dass wir so lange in Frieden leben, versöhnt mit unseren Nachbarn, ist ein großes Geschenk und bleibt eine große Aufgabe.

Ich hatte uns allerdings zunächst eine wichtige Zeile unterschlagen: „Nehmt auf unseren Streit mit dem Feind“. Was fangen wir heute damit an? Was ist unser Streit – mit welchem Feind? Damals waren es für John McCrae die Deutschen. Heute müsste es eine Frage der Verantwortung sein, andere in ihrem Kampf, gegen die Verklärung eines Nationalismus, der Elend und Verderben brachte – und bringt, nicht allein zu lassen.

Dazu gehören nach dem Willen unseres Parlaments Waffenlieferungen und Allianzen gegen einen mörderischen „Islamischen Staat“, der „die“ Anderen mit Tod und Sklaverei bedroht, nur weil sie anders sind. Dazu gehört nun aber auch, uns auf die Menschen einzustellen, die in Europa Zuflucht suchen vor „dem Krieg“. Durch die dezentrale Unterbringung in Wohnungen erleben wir sie in verschiedenen Wohnvierteln hautnah. Die Kinder begegnen sich im Kindergarten, in der Schule, auf der Straße. Und die Erwachsenen? Als „Fackel für den Alltag“ mit den Menschen und ihren Kriegsgeschichten einige biblische Verse aus dem 1. Petrusbrief: „Wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach.“

Das Buch der Bücher und die Briefe aus Amerika - von Sven Grundmann

Wenn wir in meiner Kindheit einen Brief von unseren Verwandten aus Amerika bekamen, dann waren wir immer ganz aufgeregt. Von so weit her kam er. Mit einer bunten und interessanten Briefmarke war er versehen. Und: Fast drei Wochen hatte er manchmal gebraucht. Was für eine lange Zeit! Heutzutage ist das unfassbar - in der Zeit von E-Mail und Internet!

Und dann erst die Sprache: Auf Englisch teilten uns unsere Verwandten mit, wie es ihnen ging, ließen uns an ihrem Leben auf der anderen Seite des Atlantik teilhaben. Jeder Brief aus Amerika war wie eine Botschaft aus einer fremden Welt an uns!

Mit der Bibel geht mir das heute im Grunde manchmal fast genauso! Aus ferner Zeit kommen die einzelnen Bücher der Bibel in unsere Zeit. Aus weiter Ferne erreichen sie uns und lassen uns am Leben der Menschen damals teilhaben.

Aber jedes Mal bin ich wieder erstaunt, wie schnell und problemlos sich der Graben der Zeit und der Entfernung überbrücken lässt. Schon nach wenigen Zeilen, etwa in den Fünf Büchern Mose, bin ich mitten drin in der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel. Ich stehe mit Josef in Ägypten im Wüstensand und habe das Gefühl, die Wärme der Sonne dort zu spüren.

Ich sitze mit Mose am Ufer des Jordanflusses und blicke mit ihm hinüber ins gelobte Land und habe das Gefühl, seine Traurigkeit zu teilen, weil er es nicht mehr erreichen wird.

Gleiches gilt auch für das Neue Testament: Es ist wohl keiner unter uns, der beim Lesen der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium nicht genau die Krippe und den Stall bildhaft vor Augen hätte, als wäre er Augenzeuge gewesen. Und wenn die Evangelien an ihrem Ende davon erzählen, wie Jesus ans Kreuz geschlagen wird und stirbt, dann berührt das wohl alle Menschen, die nicht vollkommen abgebrüht sind. Sie spüren hautnah die tiefe Trauer, die über dem Geschehen liegt!

Ja, die Bibel nimmt mich und mein Leben mitten in das Leben ihrer Akteure mit hinein.
Sie ist ein lebendiges Buch! Und es ist Gottes guter Geist, der es uns ermöglicht, Zeit und Raum zu überbrücken und Gott darin direkt zu begegnen! Denn: In der Bibel geht es immer auch um mich! Martin Luther hatte das einst für sich wieder entdeckt, als er sich direkt angesprochen und getröstet fühlte, nachdem er Gott für sich und sein Leben fast verloren hatte. Diese Entdeckung haben nach ihm ungezählte Menschen auf der ganzen Erde immer wieder machen können.

Und auch ich kann diese gute Erfahrung immer wieder neu machen:
Die Bibel ist auch für mich geschrieben: Lebendig und aktuell, das Buch der Bücher eben!

Pastor Sven Grundmann

Evangelisch-lutherische Marien-Kirchengemeinde Holtland

Wussten Sie eigentlich? - Andacht in einfacher Sprache zum 18. Sonntag nach Trinitatis von Martin Kaminski

Wussten Sie eigentlich, dass sonntags in fast allen Kirchen über denselben Bibeltext gesprochen wird? Das ist so eine Art Absprache und daher kann ich heute schon wissen, worum es am Sonntag geht. Diesen Sonntag geht es um Mose – der ist den meisten Menschen heute noch dadurch bekannt, dass er angeblich das Meer geteilt hat. Und warum? Weil ihm der Pharao mit seinen Soldaten auf den Versen war. Mose hatte nämlich das Volk der Israeliten aus Ägypten und damit von der Sklaverei befreit. Das hat dem Pharao überhaupt nicht gefallen. Er sattelte die Pferde, spannte die Kriegswagen an und wollte die Israeliten wieder einfangen – und wenn das nicht geklappt hätte – dann wenigstens umbringen. Am Schilfmeer war dann Schluss. Da stand Mose nun: Im Rücken der Pharao und seine Krieger – vor sich das Meer. Mit ihm das verängstigte Volk – weinende Kinder, verzweifelte Eltern … - vielleicht sahen sie ungefähr so aus wie die Menschen, die heute vor den IS-Terroristen fliehen … - Was nun? Die Bibel erzählt, dass Gott etwas völlig unmögliches vollbringt. Durch Mose teilte er das Meer – sein Volk zog durch. Der Pharao hinterher und als die Ägypter mitten drin waren, schlug über ihnen das Wasser zusammen. Gott rettete sein Volk – mit den Ägyptern machte er kurzen Prozess. Manchmal wünsche ich mir, dass unsere heutigen Probleme auch so zu lösen wären. Gott sollte eingreifen und die Verfolgten beschützen.


Diesen Sonntag geht es also um Mose. Den mit den Geboten. Das erste Gebot war ja das mit der Einzigartigkeit Gottes. Ihn ernst zu nehmen, anzuerkennen, dass es etwas größeres gibt, als mich selbst – das war Gott sehr wichtig. Und warum? Weil die Menschen ausrasten, wenn sie sich selbst für das Wichtigste halten – das kann man auch heute noch an vielen Stellen beobachten. Leider. Mose war ja auf den Berg gestiegen, um die Gebote von Gott zu holen. Er war ziemlich lange weg. Da verloren die Menschen die Geduld und bauten sich eine Figur, die sie anbeten konnten – ein goldenes Kalb, vielleicht kennt Ihr die Geschichte. Sie wollten unbedingt etwas haben, was sie sehen und anfassen konnten. Dieser unsichtbare Gott – das war ihnen zu wenig. Als Mose wiederkam und das sah wurde er sehr wütend. Wieso konnten die Menschen sich nicht einfach mal die Regeln halten? Er zerdepperte vor lauter Wut die Steintafeln. Die Leute erkannten, dass es keine gute Idee gewesen war, sich einen eigenen Gott zu bauen. Heute bauen sich die Menschen ständig eigene Götter. Geld – Macht – Fun – ach – alles mögliche beten die Leute an. Nur mit dem unsichtbaren Gott, da wollen viele nichts mehr zu tun haben. Sehr schade.

Nun stieg Mose also wieder zurück auf den Berg. Dabei war ihm nicht wohl. Er fürchtete, dass Gott sehr ungemütlich werden könnte, da die Menschen wirklich viel Mist gebaut hatten. Und er ja schließlich auch. Vor lauter Wut hatte er sich vergessen und die kostbaren Tafeln zerstört. Die Tafeln mit Gottes Wort, den goldenen Regeln für ein gelingendes Leben. Mose wusste, dass die Regeln so gut und wichtig waren, dass er sie unbedingt nochmal besorgen musste. Nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, die Eltern nicht vergessen, Gott lieben und noch fünf weitere goldene Regeln. Also machte sich Mose auf und tat das, was Leuten bis heute manchmal sehr schwer fällt. Er bat Gott um Verzeihung. Er rief Gott, gab ihm die Ehre und bat um Vergebung. Gott ließ sich übrigens nicht lange bitten. Er erneuerte seinen Bund mit den Menschen und erneuerte auch die Gebote … - damit hatte Mose nicht unbedingt gerechnet. Bis heute können wir das wagen: Um Vergebung bitten. Andere Menschen, aber auch Gott. Neu anfangen. Zum Beispiel heute.

 

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